Prüfungsangst - ein häufiges Problem in der Schule

Schlecht geschlafen, unangenehme Dinge geträumt, wegen Übelkeit nichts zum Frühstück gegessen, mit ständigem Denken an die bevorstehende Schulaufgabe in der Schule angekommen, als der Lehrer die Klasse betritt: schwitzende und zitternde Hände... so können u.a. typische Kennzeichen von Prüfungsangst aussehen.

Schlechte Noten trotz Lernens

Das Problem sind jedoch nicht nur solche „äußerlichen“ Symptome, sondern trotz langer Vorbereitung auf die Schulaufgabe meist auch noch schlechte Noten. Diese sind darauf zurückzuführen, dass man sich bei übermäßiger Aufregung nur schlecht konzentrieren kann. Selbst zu Hause noch ohne Probleme beherrschte Dinge werden in der Schulaufgabe auf einmal falsch gemacht.
Prüfungsangst ist übrigens kein exotisches Problem, sondern sehr viele Schüler leiden darunter. Bei manchen Schülerinnen und Schülern geht sie nach ein paar Monaten von alleine wieder weg, andere werden die ganze Schulzeit davon begleitet. Besonders häufig ist Prüfungsangst, wie die Erfahrung zeigt, bei Schülerinnen und Schülern der 5. und 6. Klasse zu finden. Das liegt vor allem an den höheren Erwartungen und Leistungsanforderungen am Gymnasium, mit denen Fünft- und Sechstklässler anfangs immer wieder nicht zurecht kommen. Besonders häufig betroffen sind dabei sensiblere und eher zurückhaltende Schülerinnen und Schüler. Außerdem festzustellen ist oft, dass die Aufregung nur in bestimmten Fächern ausgebildet ist – meist sind dies die Fächer, in denen die Noten schlechter als in anderen sind. Auch tritt Prüfungsängstlichkeit eher während Schulaufgaben, seltener in Exen oder Abfragen auf.

Wie lässt sich Prüfungsangst erklären?

Die Frage, wie es zu Prüfungsangst kommt, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Dies liegt vor allem daran, dass es ganz unterschiedliche Bedingungen gibt, unter denen sich Prüfungsängstlichkeit ausbildet – entsprechend unterschiedliche Formen der Aufregung sind bei verschiedenen Schülern auch zu beobachten. So kann Prüfungsängstlichkeit u.a. daraus resultieren, dass ein Kind oder Jugendlicher am Gymnasium schlicht und einfach überfordert ist. Der Druck, unter den sich ein überforderter Schüler oft selbst setzt, der aber auch von den Eltern kommen kann, führt dann meist zu großer Aufgeregtheit bei Schulaufgaben. Hier ist Prüfungsangst eine Folge der Überforderung.
Häufiger zu beobachten ist jedoch, dass die Prüfungsangst mit einer oder mehreren ersten schlechten Note in einem Fach beginnt. Deswegen sind Fünftklässler auch besonders anfällig für große Aufregung: Aus der Grundschule meist mit guten Noten „verwöhnt“, trifft es gerade sensiblere Schülerinnen und Schüler sehr, wenn sie das erste Mal eine Fünf oder Sechs nach Hause bringen. In der nächsten Schulaufgabe, in der die Leistung besser sein soll, ist schon eine gewisse Aufregung zu erkennen. Läuft auch die nächste Schulaufgabe nicht gut, so wird die Aufregung beim nächsten Mal noch größer. Und damit beginnt oft eine Art Teufelskreislauf. Wegen der Aufregung kann ein Schüler sich nicht konzentrieren, weswegen die Noten schlecht bleiben. Wegen der schlechten Noten wird wiederum die Aufregung noch größer...

Prüfungsangst ist oft „selbstgemacht“

Interessant ist, dass Prüfungsangst in den meisten Fällen eine Folge so genannter Selbstverbalisationen ist. Das meint, dass Schüler sich regelrecht mit inneren Gesprächen und Gedanken in die Aufregung hineinreden. Das beginnt häufig damit, dass man sich schon beim Lernen selbst unter Druck setzt, dass man diesmal eine gute Note schreiben müsse. Das geht u.U. nachts mit Alpträumen weiter. Und v.a. vor und während der Prüfungssituation gehen betroffenen Schülern ständig negative Gedanken durch den Kopf: „Ich kann Mathe einfach nicht.“, „Ich werde wieder eine Sechs kriegen.“, „Die Aufgaben sind viel zu schwer für mich.“ etc. Dass man sich angesichts solcher Gedanken, gegen die man sich meist nicht wehren und die man nicht einfach beiseite schieben kann, nicht konzentrieren kann, leuchtet ein. Eine übermäßige Selbstbeobachtung („jetzt fange ich schon wieder so zu schwitzen an“), die häufig auch gegeben ist, trägt zusätzlich dazu bei, dass die Aufregung anwächst.


Was kann man gegen Prüfungsangst tun?

Zunächst einmal muss betont werden, dass die familiäre Situation auch mit dazu beitragen kann, ob und wie stark ein Schüler bei Prüfungen aufgeregt ist. Großer Leistungsdruck durch die Eltern ist sehr ungünstig und hilft dem eigenen Kind nie. Auf schlechte Noten mit heftigem Schimpfen und mit Verboten oder Ähnlichem zu reagieren, macht alles nur schlimmer – die Alternative heißt ja nicht, sich angesichts der schlechten Note begeistert zu zeigen. Man sollte vielmehr gelassen reagieren, darüber sprechen, wie es zu dieser Note gekommen ist und was man (gemeinsam?) dagegen tun kann, dass die nächste Schulaufgabe besser läuft. Eine ermunternde Haltung ist für die meisten Kinder hilfreich. Dies alles zu beachten ist besonders wichtig, wenn erste Anzeichen von Prüfungsangst zu bemerken sind.


Zunächst die Fachlehrer konsultieren

Ist die Prüfungsangst dennoch sehr groß geworden und hält länger an, so sollte man zunächst einmal mit den Fachlehrern, in denen die Prüfungsangst auftritt, Kontakt aufnehmen und nach den Ursachen fragen. Vielleicht stellt sich heraus, dass bei einem Schüler größere Stofflücken vorliegen, die die schlechten Noten und damit die Aufgeregtheit aufrecht erhalten – in diesem Falle sollten zunächst diese Lücken, z.B. mit Hilfe gezielter Nachhilfe für ein paar Monate, geschlossen werden.


Erst anschließend weiter gehende Hilfe suchen

Sollte die Prüfungsangst jedoch weiter bestehen, ist es meist sinnvoll, einen Fachmann, z.B. den Schulpsychologen, zu konsultieren. Hier wird zunächst in einem Gespräch ganz genau abgeklärt, wie sich die Prüfungsangst äußert und wann sie auftritt. Aufgrund dieser ersten Ergebnisse wird dann weiter vorgegangen: Manchmal wird zunächst mit einem Test abgeklärt, ob der Schüler bzw. die Schülerin nicht am Gymnasium überfordert ist. Wenn dies als Ursache für die Prüfungsangst ausgeschlossen ist, können weitere Maßnahmen ergriffen werden, die im Folgenden nicht alle erläutert werden können. Wichtig ist es z.B. in vielen Fällen, die ständigen negativen Selbstverbalisationen, durch die die Aufregung gesteigert wird, zu verringern oder zu verändern. Auch Tipps für ein sinnvolles Vorgehen in Schulaufgaben helfen manchmal: Jede Aufgabe genau durchlesen, Schlüsselbegriffe unterstreichen, nicht gleich losschreiben und dabei immer konfuser werden, sondern vielmehr erst einmal überlegen, ob man solche oder ähnliche Aufgaben nicht schon aus der Vorbereitung kennt, und sich zu erinnern versuchen, wie man damals vorgegangen ist. All das hilft oft schon, da gerade prüfungsängstliche Schüler dazu neigen, einfach drauf loszuschreiben, und dann schnell bemerken, dass sie sich auf dem falschen Weg befinden, was die Prüfungsangst nur verstärkt. Dass es darüber hinaus weitere Wege gibt, die Prüfungsangst zu verringern, wurde schon erwähnt.
Zum Schluss noch eine kurze Anmerkung: Man sollte meiner Meinung nach, bevor man seinem Kind von einem Arzt Beruhigungsmittel verschreiben lässt, um die Prüfungsangst zu verringern, erst einmal psychologische Lösungen ausprobieren. Denn die Verabreichung eines Medikament ist keine Lösung, sondern unterdrückt nur die Aufregung. Wenn man dagegen die Prüfungsangst auf psychologischem Weg in den Griff kriegt, ist das ein lang andauernder Erfolg, der einem Kind zudem Selbstvertrauen gibt.

Ulf Cronenberg, staatlicher Schulpsychologe

 

Weitere Aktivitäten des Schulpsychologischen Dienstes im vergangenen Jahr
(Auswahl)

  • 17./24. Oktober 2000: zweimalige Durchführung einer Regionalen Lehrerfortbildung zum Thema „Lese-Rechtschreibschwäche und Legasthenie“ (jeweils mit einem Schulpsychologie-Kollegen)
  • 26. Oktober 2000: Gestaltung eines Tages beim Klassensprecherseminar des Gymnasiums Parsberg zu den Themen: Gestaltung des Schulhauses (Unter-/Mittelstufe) und Verbesserung des Schulklimas (Oberstufe)
  • April 2001: Mitvorbereitung und Moderation einer einwöchigen Fortbildung an der Lehrerakademie Dillingen zum Thema „Förderung bei Lese-Rechtschreibschwäche und Legasthenie an Gymnasien“
  • 24. April / 2. Mai 2001: zweimalige Durchführung einer Regionalen Lehrerfortbildung zum Thema „Förderung der sozialen Kompetenz von Schülerinnen und Schülern“ (je-weils mit einem Schulpsychologie-Kollegen)
  • 9. Mai 2001: Gestaltung eines Elternabends zum Thema „Gewalt in Computerspielen“ am Gymnasium Parsberg
  • fortlaufend: Ausbau und Überarbeitung der Homepage des Schulpsychologischen Dienstes, die unter folgender neuer Internetadresse zu finden ist:
    http://www.schulpsychologie-nm.de

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