Jahresberichtartikel des Schulpsychologischen Dienstes - Schuljahr 1999/2000

Neue schulische Richtlinien für Legasthenie und Lese-Rechtschreib-Schwäche

Der Jahresberichtartikel soll dieses Jahr dazu genutzt werden, eine neue schulische Richtlinie vorzustellen, die für manche Schüler und Eltern von Bedeutung sein könnte. Am 9. Dezember 1999 wurde durch die Presse bekannt gegeben, dass rückwirkend zum 16. November 1999 an bayerischen Schulen neue Richtlinien für Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie gelten. Die Auswirkungen dieser neuen Regelungen haben seitdem relativ viel Raum in der schulpsychologischen Beratung eingenommen.
Schon vor Inkrafttreten der neuen Richtlinien gab es für Schüler mit Legasthenie Maßnahmen zum Nachteilsausgleich - jedoch nur in der Unterstufe. Seit November 1999 sind diese jedoch wesentlich ausgeweitet worden.

Was sind Legasthenie und LRS?

Bevor die neuen Richtlinien vorgestellt werden, sollte jedoch erst einmal geklärt werden, was Lese-Rechtschreib-Schwäche (im Folgenden als "LRS" abgekürzt) und Legasthenie überhaupt sind. Beide gehören zu den so genannten Teilleistungsstörungen. Diese sind dadurch definiert, dass ein Kind in ei-nem isolierten Leistungsbereich deutlich geringere Leistungen zu erbringen vermag als in allen anderen Bereichen. Bei LRS und Legasthenie sind die Schwächen auf den Bereich von Lesen und Rechtschrei-ben bezogen. Das heißt also, dass lese-rechtschreib-schwache und legasthenische Kinder eine insge-samt mindestens durchschnittliche Intelligenz aufweisen müssen, beim Lesen und Schreiben jedoch nur zu höchstens unterdurchschnittlichen Leistungen in der Lage sind. Von Lese-Rechtschreib-Schwäche spricht man, wenn die Schwäche weniger stark als bei der Legasthenie ausgebildet ist. Außerdem ist eine LRS nicht auf organische Ursachen zurückzuführen und damit durch geeignete Therapiemaßnahmen zu beheben. Die Legasthenie dagegen hat im Gegensatz zur LRS meist organische Ursachen, die oft vor, während oder nach der Geburt entstanden sind. Eine Legasthenie ist zudem deutlich schwerer therapierbar.

Die neuen Regelungen im Einzelnen

Die neuen Regelungen für die Schulen sehen Folgendes vor: Bei Legasthenikern dürfen Lesen und Rechtschreibung nicht mehr mit Noten bewertet werden. Betroffen hiervon sind v.a. das Fach Deutsch und die Fremdsprachen. Außerdem kann legasthenischen Schülern in allen schriftlichen Leistungserhebungen ein Zeitzuschlag von bis zu 50 Prozent gewährt werden. Dieser Zeitzuschlag wird in Absprache zwischen den Fachlehrern, dem Schulleiter und dem Schulpsychologen, der die Schwere und Ausprägungsform der Legasthenie zu berücksichtigen hat, festgelegt. All die genannten Regelungen sind nicht wie früher auf die Unterstufe beschränkt, sondern gelten für alle Jahrgangsstufen. Bei lese-rechtschreib-schwachen Schülern sehen die neuen Richtlinien eine Kann-Bestimmung vor, d.h. je nach Schwere der Schwäche können die oben genannten Vergünstigungen bis zur 10. Klasse gewährt werden. Die Entscheidung hierüber trifft der Schulpsychologe aufgrund der Ergebnisse durchgeführter Tests. Zu beachten ist, dass bei Inanspruchnahme der Vergünstigungen ein Vermerk über die LRS bzw. Legasthenie im Zeugnis stehen muss.

Bewertung der neuen Regelungen

Die neuen Richtlinien sind, das ist meine persönliche Einschätzung, grundsätzlich sicherlich zu begrüßen. Denn lese-rechtschreib-schwache Kinder und Legastheniker sind außer in den Bereichen Lesen und Rechtschreiben eben durchaus begabt, und ohne solche Vergünstigungen könnten sie oft keinen höhe-ren Schulabschluss erreichen. Kritikern der neuen Regelungen mag zudem entgegnet werden, dass lese-rechtschreib-schwache Kinder es sowieso schon schwerer haben als normale Kinder, weil sie u.a. nicht selten wegen ihrer Schwäche von anderen für dumm gehalten werden und sich infolgedessen auch selbst oft als wenig begabt einschätzen.
Zugleich werfen die neuen Regelungen einige Probleme auf. So sind zum einen die Schulpsychologen, v.a. im Grundschulbereich, seit Dezember mit Legasthenie-Anfragen überschüttet worden und kommen mit deren Bearbeitung nicht mehr nach. Dabei fragen nicht selten auch Eltern nach, die übereifrig ihr Kind fälschlich als betroffen einschätzen. Zum anderen sind die Schulen mit den neuen Richtlinien auch zur Förderung von lese-rechtschreib-schwachen Kindern angehalten - doch diesem Auftrag können die Schulen bisher in keiner Weise gerecht werden. Hierfür müssten Lehrer umfangreich ausgebildet werden, außerdem müssten zusätzliche Stunden zur Verfügung gestellt werden. Beides ist bisher nicht in die Wege geleitet worden - Änderungen sind nicht in Sicht. Hinzu kommt, dass bei Legasthenikern oft nur eine Einzeltherapie deutliche Verbesserungen bewirken kann - damit sind die Schulen sicherlich überfordert.

Woran können Eltern und Schüler LRS und Legasthenie erkennen?

Für Eltern bleibt die Frage, wie man überhaupt feststellen kann, ob das eigene Kind lese-rechtschreib-schwach ist. Letztendlich gibt es für Laien keine hundertprozentigen Kriterien, sondern nur Anhaltspunkte. Zum einen machen solche Kinder in Diktaten vergleichsweise viele Fehler (Aufsätze sind hier weniger aussagekräftig, da beim Aufsatzschreiben oft der Inhalt und weniger die Rechtschreibung im Vordergrund steht). Zum anderen fällt bei Legasthenikern auf, dass sie, selbst wenn vorher bestimmte Wörter geübt wurden, diese kurz darauf wieder falsch schreiben. Hinzu kommt, dass bestimmte Fehlerarten bei lese-rechtschreib-schwachen und legasthenischen Kindern häufig vorkommen können: Reihenfolgefehler ("Zhanarzt" statt "Zahnarzt"), Buchstabenauslassungen ("drbieten" statt "darbieten"), falsche und nicht hörbare Einfügungen ("Koft" statt "Kopf"), Buchstabenverdrehungen ("Laben" statt "Laden", "reqarieren" statt "reparieren") und Fehlerinkonstanz (Wörter werden manchmal richtig, dann wieder unterschiedlich falsch geschrieben: "nämlich" neben "nähmlich" und "nehmlich").

Bei Verdacht: Kontaktaufnahme mit dem Schulpsychologischen Dienst

Zuverlässig festgestellt werden können LRS und Legasthenie jedoch nur von (Schul-)Psychologen sowie Kinder- und Jugendpsychiatern, die entsprechende Tests durchführen. Sollten Sie bei ihrem Kind also eine LRS oder Legasthenie vermuten, so ist es sinnvoll, sich mit dem Schulpsychologischen Dienst in Verbindung zu setzen. Bedenken sie dabei jedoch, dass beide Schwächen bei Gymnasialschülern nicht allzu häufig auftreten. Sinnvoll ist es sicherlich, vorher mit Deutsch- und Fremdsprachenlehrern über die Vermutung zu sprechen.
In diesen Zeilen konnten sicherlich nicht alle Fragen zu Legasthenie und LRS beantwortet werden. Ich habe deswegen für die Homepage des Schulpsychologischen Dienstes einen ausführlicheren Artikel über LRS und Legasthenie verfasst. Ihn können Sie unter folgender Adresse einsehen:

ausführlicher Artikel zu Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie

 

Aktivitäten des Schulpsychologischen Dienstes
(unvollständige Chronik über die Arbeit im Schuljahr 1999/2000)

  • 11./13.10.1999: Vorstellung der schulpsychologischen Arbeit vor den Eltern der 5. Klassen am WGG

  • 25.10.1999: Referat zum Thema "Hochbegabung" vor den Beratungslehrern im Landkreis Neumarkt

  • 27.10.1999: Referat zum Thema "Mobbing unter Schülern" in Rahmen der Pädagogische Konferenz des Willibald-Gluck-Gymnasiums

  • Oktober/November 1999: dreimalige Durchführung einer Regionalen Lehrerfortbildung zum Thema "Klassenelternabend" (zusammen mit dem Regensburger Kollegen Norbert Hirschmann)

  • 11.11.1999: Referat zum Thema "Lern- und Arbeitstechniken" vor den Bezirksschülersprechern der Oberpfalz (zusammen mit dem Regensburger Kollegen Norbert Hirschmann)

  • 15.03.2000: Referat zum Thema "Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie" im Rahmen der Pädagogischen Konferenz des Ostendorfer-Gymnasiums

  • Juni/Juli 2000: Lern- und Arbeitstraining für Schüler der 11. Jahrgangsstufe

  • fortlaufend: Ausbau und Überarbeitung der Homepage des Schulpsychologischen Dienstes (neue Seiten u.a. zu den Themenbereichen "Mobbing unter Schülern", "Essstörungen", "Hochbegabung

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